Parque Tantauco
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von 14. Dezember 2019

Wildnis-Wanderung im Parque Tantauco


Der Südsommer steht vor der Tür, die Tickets nach Chile sind gekauft, Patagonien lockt mit wilden Urwäldern und rauen Weiten. Ganz oben auf der Liste stehen Klassiker wie Torres del Paine und Fitz Roy, aber nicht jedem steht der Sinn nach tausenden Mit-Besuchern. Wer es lieber einsam mag, der hat abseits der ausgetretenen Pfade zahlreiche Möglichkeiten. Wir haben einen kaum bekannten Mehrtages-Wanderweg auf der Insel Chiloé ausprobiert: die Wildnis-Wanderung im Naturpark „Parque Tantauco“.

Dauer: 5+1 Tage

Schwierigkeitsgrad: anspruchsvoll

Unterkunft: Schlafsaal in rustikalen Hütten

Ausgangspunkt: Castro

Endpunkt: Quellón

Nur 52 Kilometer in 5 Tagen, bei geringfügigen Höhenunterschieden – das klang nach einer leichten Übung. Das würden wir am Ende ganz anders sehen… Der Sendero Transversal (Transversalweg) quert den Parque Tantauco einmal komplett von Nord nach Süd. Der private Naturpark, gegründet im Jahr 2005 durch den Unternehmer und späteren Staatspräsidenten Sebastián Piñera, schützt auf 118.000 Hektar ausgedehnte Moore und Wälder, Seen und Küstenstreifen an der Südspitze der Insel Chiloé.

Die zu Piñera gehörende Stiftung Futuro verwaltet den Park und hat ein Netz von Wanderwegen und Hütten angelegt. Der Name Tantauco kommt aus der Sprache der hier ansässigen Huilliche-Ureinwohner und bedeutet „Ort, wo die Wasser zusammenfließen“. Zugleich nimmt er Bezug auf den Friedensvertrag von Tantauco von 1826, der zum einen den Sieg der Republikaner gegen die königstreuen Spanier besiegelte, zum anderen den Huilliche Bürgerrechte und ihren Stammesbesitz zusicherte.

Die Wanderung will gut vorbereitet sein, führt sie doch in die komplette Abgeschiedenheit: Unterwegs gibt es keine Versorgungs-Möglichkeiten und weitgehend keinen Handyempfang. Das Essen für 5 Tage beult unsere Rucksäcke, ebenso Kocher und Wasserflaschen, Schlafsäcke und Isomatten. Auch Einsamkeit ist garantiert: Nur 200 Outdoorfreunde wagen pro Sommer den Transversalweg, in den 5 Tagen im Februar 2019 waren wir immer allein in den Hütten.

Ausgangspunkt ist der Zeltplatz Chaiguata am gleichnamigen See. Bis hierher führt eine überaus holprige Piste (108 km ab Castro, ca. 2,5 Stunden). Kein Zuckerschlecken für den Kleinbus der Firma Chiloétnico, den wir für die Anfahrt reserviert hatten. Zuvor haben wir im Büro der Stiftung Futuro in Castro überflüssiges Gepäck eingelagert.

Tag 1: Am Parkeingang in Chaiguata bekommen wir eine praktische Faltkarte und viele gute Ratschläge. Schließlich sind wir, die Rucksäcke geschultert, bereit für das Abenteuer und laufen los. Der Weg führt zunächst durch lichte Wälder am Río Chaigua entlang, und bald bekommen wir einen Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Tagen erwartet: Die Wege sind mal mit Holzstegen, meist nur mit quergelegten groben Scheiten und oft gar nicht befestigt. Dabei geht es ständig Auf und Ab und durch die ersten Sümpfe… Satte drei Stunden brauchen wir für die erste Etappe von 7,5 km zum Refugio Chaiguaco. Was wir noch nicht wissen: Nie wieder werden wir dieses Marschtempo von 2,5 Stundenkilometern in den kommenden Tagen erreichen…

Die Holzhütte am Lago Chaiguaco ist rustikal, aber gemütlich und wie alle weiteren ausgestattet mit Holzfeuerofen, Zisterne und Plumpsklo. Es gibt eine großzügige Terrasse, einen Esstisch und 8-10 Schlafplätze in 2 Etagen.

Tag 2: Am nächsten Morgen genießen wir das Bad im glasklaren See, bevor wir uns auf den Weg machen. Die Route führt durch ehemalige Zypressenwälder, die in den 1940er Jahren von Holzfällern einfach abgefackelt wurden. Wegen ihres extrem harten und wasserabweisenden Holzes war und ist die Chilenische Flusszeder (Ciprés de las guaitecas) bei Zimmerleuten und Bootsbauern hoch begehrt. Tatsächlich ist das Holz derart widerstandsfähig, dass die kahlen Stämme auch 70 Jahre danach noch mit knorrigen, anklagenden Armen in den Himmel ragen.

Der Weg ist sehr gut markiert, mit roten Schildchen alle 100 Meter, welche die überwundene Distanz anzeigen. Leider ist er nur selten gut ausgebaut, sondern vielfach schwer zu gehen. Zu allem Überfluss haben wir uns die heißeste Woche des Jahres in Südchile ausgesucht, mit Temperaturen an die 30 Grad und keinem Wölkchen weit und breit. Die Sonne brennt unbarmherzig, es gibt nur selten Schatten, am wenigsten in den offenen Mooren. Da sind wir froh über jedes Bächlein und jeden Fluss, an dem wir uns erfrischen können, so im Río de la Zorra gegen Ende des zweiten Tages kurz vor dem Refugio Pirámide (12,5 km, 7 Stunden).

Tag 3: War Tag 2 schon schweißtreibend, erwartet uns heute die nicht nur wegen ihrer Länge schwerste Etappe: fast nur offenes, schattenloses Gelände mit Sumpfwegen, dazu eine kurze, aber extrem harte Bergpassage (Paso de la Montaña) und schließlich die endlosen, unwegsamen Tepu-Gehölze (tepuales) am Río Huillín. Ständig müssen wir hüfthohe Stämme übersteigen, um im nächsten Schritt einer Schlammpfütze auszuweichen. Viel zu sehen gibt es nicht unterwegs, zumal der Blick auf den Pfad geheftet ist… Am Ende unserer Kräfte erreichen wir schließlich das Refugio Huillín, wo wir uns im See erfrischen können (15,4 km, 10 Stunden).

Tag 4 bringt endlich kühleres Wetter, leichtere Rucksäcke und Abwechslung: Der verschlungene Wildnispfad durch knorrige Flusswälder und über endlose Moore führt schließlich auf einen Höhenzug, auf dem ein Aussichtsturm den Blick auf den Golfo Corcovado freigibt, die Meerespassage südlich der Insel Chiloé. Kurz dahinter wartet die vorletzte Hütte, von wo wir schon unser Ziel sehen können: die Bucht von Inío (7,5 km, 5 Stunden).

Tag 5: Draußen krakeelen die grünen Langschnabelsittiche (choroy), drinnen herrscht gute Laune beim Frühstück: Die Vorfreude auf das Ende der (Tor-)Tour steht allen ins Gesicht geschrieben. Es geht bergab Richtung Meer, zunächst mit schönen Ausblicken, dann durch idyllischen Märchenwald. Hatten wir bislang vor allem Brandrodungen und nachwachsende Naturwälder, Sümpfe und Flussebenen gesehen und waren dabei buchstäblich über Stock und Stein gestiegen, laufen wir nun auf einem federnden Moosteppich unter riesigen Coihues, Mañíos und Canelos hindurch und bekommen einen Eindruck von den Urwäldern, wie sie einst weite Teile der Insel bedeckt haben. Im Dickicht rufen Chucaos, schwirren Kolibris, pochen Spechte an den Bäumen und hüpfen die flinken Rayaditos von Ast zu Ast. Ein Sperlingskauz (chuncho) beäugt aufmerksam die seltsamen Wesen mit den riesigen Rucksäcken. Dieser letzte Abschnitt ist ein Labsal für die Sinne und entschädigt für alle Mühen! Schließlich erreichen wir das Fischerdorf Inío an einem vom Ozean abgeteilten Meeresarm (9,6 km, 5 Stunden).

Wir laden das Gepäck ab und machen uns trotz der Blasen an den Füßen auf, den Küsten-Rundweg zu erkunden, der uns zum Leuchtturm und zu versteckten Badestränden führt. In Inío leben nur ein paar Dutzend Menschen, es gibt ein paar Lädchen, eine Mobilfunkantenne (Claro) und zwei einfache Fischrestaurants, wo wir uns am Abend verwöhnen lassen – noch nie hat Dosenbier so gut geschmeckt! Inío lebt vor allem vom Tantauco-Park, der Besucher wie uns anlockt. Tantauco betreibt hier einen Zeltplatz, eine Baumschule, ein anschauliches Museum und eine Krankenstation. Und ein geschmackvoll eingerichtetes Gästehaus, in dessen Federbetten wir wie im siebenten Himmel schlafen!

Tag 6: Am frühen Morgen stehen wir bereits am Strand und warten auf das kleine Schiff, welches uns nach Quellón bringen soll. Die „Giorgio Stefano“ verbindet Inío nur zweimal wöchentlich (zuletzt Mo und Do 8 Uhr) mit der Zivilisation, von daher muss die Wanderung entsprechend geplant werden. Bereits kurz nach dem Auslaufen aus der Bucht beginnt das Festival der Delfine: Dutzende Chilenische Delfine mit ihrem charakteristischen weißen Bauch begleiten das Schiff und übertreffen sich mit Pirouetten und Sprüngen. Wir stehen auf dem Vorderdeck und bestaunen das fröhliche Treiben dieser Zahnwale. Nach 5 Stunden ist Quellón erreicht, von hier verkehren regelmäßig Busse zurück nach Castro.

Toninas

Fazit: Die Transversal-Wanderung ist nur etwas für hartgesottene Trekker. Sie muss zudem gut geplant und vorbereitet werden. Als Belohnung winken das ursprüngliche Erlebnis einer echten Wildnis und die komplette Abgeschiedenheit von der Zivilisation. Wer sich der körperlichen Belastung nicht aussetzen möchte, der kann den schönsten Teil der Strecke, die Gegend um Inío, von dort aus erkunden: per Schiff von Quellón nach Inío, dort 3-4 Tage bleiben (bis zum nächsten Schiff) und Tageswanderungen in den Urwald und am Strand unternehmen. Neben dem erwähnten Gästehaus und dem Zeltplatz von Tantauco gibt es auch einfache Privatunterkünfte.

Hinweise:

– Beste Reisezeit: Oktober bis April; Hochsaison: Januar/Februar

– Die Transversal-Wanderung muss ebenso wie die Tour Chaiguata – Caleta Zorra vorab reserviert werden. Nähere Informationen auf der Tantauco-Website.